Nach der problemlosen Installation des ChessBase-Readers (der zur
Nutzung des Chess Media Formats, d.h. Videos mit gleichzeitgigem Brett
und Notation) kann der Unterhaltungsspass auch gleich beginnen.
Natürlich kann man die Videos auch mit dem Windows Media Player 9
ansehen, doch dann kommt man nicht in den Genuss gleichzeitig dem Spiel
auf dem Brett zu folgen.
Den Anfang der DVD macht Frederic
Friedel mit einem knapp halbstündigen Interview des GMs (das wie der
gesamte Inhalt der DVD auf englisch stattfindet!), dessen Aussprache
aufgrund emotionaler Bewegung leider für mich nicht immer einwandfrei
zu verstehen war. Doch nimmt Kortschnoi kein Blatt vor den Mund und
plaudert u.a. über seine Vorbilder, sein Verhältnis zu Bobby Fischer
oder ein wenig Kasparow. Die ein oder andere Episode bzw. süffisante
Äusserung lieferte dem Zuhörer ein Schmunzeln auf die Lippen. In den
folgenden Videos werden danach ausführlich folgende Partien analysiert:
Golenichev - Kortschnoi, URS-Junioren-Meisterschaften 1949Nach
Aussagen von Kortschnoi die erste Partie von ihm, die Ressonanz bei den
Meistern fand. So hat u.a. Bronstein diese Partie analysiert und ein
Teil seiner Analysen sind in der Erläuterung enthalten. Seltene
hektische Bewegungen mit der Maus stören ein wenig den Fluss beim
Verfolgen der Partie bzw. in den Varianten, aber das ist wirklich die
Ausnahme. In der Partie verteidigte sich Kortschnoi mit der
holländischen Verteidigung und analysiert die Partie insbesondere in
der Eröffnung und im entscheidenden Moment des Mittelspiels ausführlich.
Smyslow - Kortschnoi, URS-Meisterschaft 1952In
der zweiten Partie spielte Kortschnoi zum ersten Mal in der
sowjetischen Meisterschaft, in der er auf damalige Größen der 64 Felder
traf, so hier gegen den späteren Weltmeister Wassili Smyslow. In einer
englischen Partie gelingt Viktor Kortschnoi ein weiterer Schwarzsieg
und seinen ersten Sieg gegen einen Großmeister, der u.a. mit den
Meinungen von Smyslow kommentiert wird.
Kortschnoi - Geller, URS-Meisterschaft 1954Mit
einer 25-zügigen Partie demonstriert Kortschnoi wie er das
Rauser-System der Sizilianische Verteidigung von Geller widerlegte und
mit welch starker und siegorientierter Spieler er war/ist.
Kortschnoi - Tal, URS-Meisterschaft 1962Mit
seinem Sieg gegen den jungen Tal erläutert Kortschnoi seine Ansichten
über die Bedeutung des ersten Aufeinandertreffens von Kontrahenten und
die halbstündige Analyse der Benoni-Partie wird gespickt durch kleine
Querverweise auf Partien anderer berühmter Großmeister.
Kortschnoi - Udovcic, 19675
Jahre "später" demonstriert die Person, der diese DVD gewidmet ist,
einen Angriff auf die französische Verteidigung mittels der
Vorstossvariante in der er auf moderne Varianten verzichtet, aber
dennoch einen unwiderstehlichen Angriff auf den schwarzen König,
welcher das Zentrum nicht verlassen konnte, startet. In Zusammenhang
mit dieser Partie zeigt der Meister kurz ein aktuelles Beispiel
(diesmal aus schwarzer Sicht) in
Navara - Kortschnoi, Schacholympiade 2004, wo er auf der das Bauernschlagen auf d4 verzichtet und die Partie nach 77 Zügen Remis endet.
Fast 1,5 h nehmen die letzten drei Partien auf der DVD ein:
Kortschnoi - Hübner, Interzonen-Turnier 1973
Im
Interzonen-Turnier 1973 kämpfte Kortschnoi neben Anatoly Karpow auch
gegen die deutsche 'Legende' Robert "Doc" Hübner. Dieser wird von
Kortschnoi mit dem Maroczy-Aufbau in der Sizilianischen Verteidigung
besiegt und Kortschnoi gewinnt später zusammen mit Karpow das
Interzonenturnier. Hübner wird Fünfter und kann sich nicht
qualifizieren.
Kortschnoi - Karpow, WM-Kampf 1978
Mein
persönlicher Favorit dieser DVD ist die Analyse der 21. Partie des
Kampfes um die Weltmeisterschaft gegen Anatoly Karpow 1978. Das Match
in Baguio geht in die Geschichte mit einem 2:5-Rückstand für Kortschnoi
ein, welchen er aufholt, um dann doch noch 5:6 zu verlieren. Die Fehde
zwischen den beiden Kontrahenten war in den nachfolgenden Jahren der
Vorgeschmack auf die Psychokriege von Karpow und Kasparow, in denen
sich verbal ebenfalls nichts geschenkt wurde. Zurück zur Analyse:
Karpow war bereits mit 4:1 in Führung und wählte fortan scharfe
Eröffnungsvarianten um seinem Sieg um die Weltmeisterschaft näher zu
kommen, so auch in der hier analysierten Partie. Ein Großteil der
Betrachtung wird in die Stellung zwischen dem 13. und 16. Zug
investiert. Kortschnoi scheut auch nicht die Zugabe von strategischen
Fehlern (z.B. im 23. Zug) und führt den Betrachter zu seinem Sieg nach
60 Zügen.
Filguth - Kortschnoi, Sao Paulo 1979
Über
36 Minuten verwendet Viktor Kortschnoi für die Betrachtung der letzten
Partie auf dieser DVD und hat guten Grund: Erneut ist die Französische
Verteidigung auf dem Brett und Kortschnoi führt diesmal die schwarzen
Steine. Er weiht den Betrachter in seine Ansichten über Eröffnungen an
und hier insbesondere zur Französischen Verteidigung.
Nach
dieser DVD ist klar, dass es nach eigener Aussage kein Leben nach dem
Schach für Kortschnoi gibt und er das Schachbrett - wie ungekündigt -
mit ins Grab nehmen wird. Und für mich der Grund seine Karriere und
Partien auf der Nachfolge-DVD zu verfolgen und bei einer Gelegenheit
seine Autobiographie "Mein Leben für das Schach" zu lesen. Ein bisschen
schade, dass die Kommentare der Videos sich nicht in den in der
Datenbank gespeicherten Partien wiederfinden und überwältigt wäre ich
gewesen, wenn die Analysen aus dem Büchern "Meine besten Kämpfe"
enthalten gewesen wären, aber dieses Wunschdenken scheitert wohl schon
allein aus datenschutzrechtlichen Gründen.
Man muss
Kortschnoi als Person nicht mögen, aber seinem Vermächtnis (und seiner
engen Verbundenheit zum Schach) wird diese DVD durchaus gerecht, in der
er selbst nicht mit Hintergründen zu gespielten Partien/zum Gegner,
philosophischen Ansätzen und seiner Meinung geizt. Vor seinem
(bisherigen) Lebenswerk, welches auf der vorgestellten DVD bis 1979
beleuchtet wird, kann ich nur den Hut ziehen!
(C) Frank Große, 2005